Das Debütwerk von Third Shift, Forever Ago, liefert ein aufrichtiges, bittersüßes narratives Abenteuer, das sich mit der erdrückenden Last der Trauer und der Schwierigkeit des Weiterlebens auseinandersetzt. Dieses ruhige Indie-Roadtrip-Spiel, herausgegeben von Annapurna Interactive, lädt die Spieler dazu ein, das Tempo zu drosseln, eine alte Sofortbildkamera in die Hand zu nehmen und einen älteren Witwer dabei zu begleiten, wie er Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten noch einmal durchlebt. Auch wenn die minimale Interaktivität und das gemächliche Gehtempo den Titel klar im Genre der Walking-Simulatoren verorten, sorgen authentische Sprecherleistungen und ein stimmungsvoller Soundtrack dafür, dass der emotionale Kern seine Wirkung mit stiller Wucht entfaltet.
Ein von Trauer gezeichneter Roadtrip entlang der Küste
Im Mittelpunkt von Forever Ago steht Alfred (oft „Alfie“ genannt), ein Mann Mitte siebzig, der mit einem in die Jahre gekommenen Wohnmobil die Pazifikküste entlangfährt. Nach dem Tod seiner langjährigen Lebenspartnerin Audrey bricht Alfred zu einer Solo-Reise auf, die in einem von ihr hinterlassenen, personalisierten und handillustrierten Notizbuch vorgezeichnet ist. Seine Reise führt ihn zu markanten Stationen ihrer gemeinsamen Beziehung, die 1974 ihren Anfang nahm.
Die Erzählung funktioniert wie eine Collage verschiedener Epochen. Gegenwartsszenen, in denen Alfred fährt und ruhige Umgebungen erkundet, wechseln sich ab mit spielbaren Flashback-Vignetten und traumartigen Korridoren, die seinen inneren Aufruhr widerspiegeln. Durch diese Wechsel zeichnet die Geschichte den gesamten Bogen einer Ehe nach – von jugendlichem Optimismus und verpatzten Heiratsanträgen bis hin zum schmerzhaften Verfall durch Audreys unheilbare Krankheit.
Alfred wird nicht als makelloser, weiser Senior eingeführt, sondern als kratzbürstiger, isolierter Eigenbrötler. Er hadert damit, wie die Welt sich weitergedreht hat: Klassische Diners wurden zu sterilen Franchise-Ketten umgebaut, die Mitgliedschaften für Sitznischen verlangen, lokale Tankstellenbesitzer wurden durch geschwätzige Angestellte mit modernem Slang ersetzt, und einfachste zeitgenössische Technologie überfordert ihn. Seine raue Fassade verbirgt tiefe Schuldgefühle und Wut darüber, Audrey nicht gerettet haben zu können. Zu beobachten, wie er nach und nach auftaut – unterstützt durch Zufallsbegegnungen mit Reisenden wie der Mechanikerin Sam, dem Hundebesitzer Charlie und einem adoptierten streunenden Welpen –, verleiht der vierstündigen Reise ihr Herzstück.
Fotografie- und Scrapbook-Mechaniken
Das Gameplay in Forever Ago ist bewusst minimalistisch gehalten. Alfred bewegt sich in 9 eigenständigen Kapiteln durch in sich geschlossene Schauplätze, untersucht Gegenstände, findet Notizen mit Hintergrundinformationen und nutzt eine Sofortbildkamera.
Die Kameramechanik ist direkt mit den Themen Erinnerung und Bewahrung verknüpft. Spieler können die Kamera ausrichten, den Zoom anpassen, die Schärfe feinjustieren sowie in die Hocke gehen oder aufstehen, um den Blickwinkel zu verändern:
- Scrapbook-Dokumentation: In jedem Kapitel können die Spieler bis zu 12 Fotos von ihrer Umgebung, Sehenswürdigkeiten oder persönlichen Motiven schießen. Am Ende eines Kapitels wählt man die vier besten Aufnahmen aus, um sie in Audreys Tagebuch einzukleben.
- Blütenblatt-Vignetten: In jeder Spielumgebung sind Spuren roter Mariposa-Lilienblüten verstreut – Audreys Lieblingsblumen. Das Sammeln dieser Ansammlungen bringt eine verbliebene Erinnerung in der Umgebung zum Vorschein. Fotografiert man die schwebenden Blütenblätter, wird eine interaktive Rückblende ausgelöst.
- Leichte Umgebungsaufgaben: Gelegentlich überträgt das Spiel kleinere Aufgaben, wie das Rudern eines Boots, die Farbwahl der Akzente des Wohnmobils, das Besorgen von Lebensmitteln oder das Werfen von Stöckchen mit Alfreds vierbeinigem Begleiter.
Das Spiel verzichtet fast vollständig auf traditionelle Rätsel oder Scheiternszustände. Die primäre Rolle besteht darin, Alfreds Reise beizuwohnen und die Welt durch seine Augen zu betrachten.
Pacing und die Grenzen der Interaktivität
Da sich Forever Ago so stark auf seine Geschichte stützt, dürfte der Mangel an mechanischer Tiefe das Publikum spalten. Die Fortbewegung ist langsam – selbst dann, wenn man die Taste nutzt, die für etwas zügigeres Gehen gedacht ist. Im letzten Drittel des Spiels nimmt die freie Erkundung spürbar ab und weicht Sequenzen, in denen man lediglich den Analogstick nach vorne gedrückt hält, während Dialoge ablaufen.
Mitunter setzen die Entwickler spielerische Reibungspunkte gezielt ein, um emotionale Spannungen zu spiegeln. Während einer Streitszene im Jahr 1996 verliert Alfred in einem Ruderboot ein Ruder, was das Steuern mühsam und unberechenbar macht. Obwohl diese Designentscheidung die Entfremdung zwischen den Figuren treffend vermittelt, kann ein anhaltender Kampf mit der Steuerung bei Spielern in echten Frust umschlagen.
Wer auf tiefgreifende, verzweigte Handlungsstränge hofft, sollte seine Erwartungen herunterschrauben. Entscheidungen der Spieler beschränken sich auf Ästhetik oder Verhaltensweisen – etwa den Tonfall in Dialogen, den Namen des streunenden Hundes (mit Optionen wie Hope) oder Alfreds Kleidung – und beeinflussen nicht den Fortgang der Handlung. Die Geschichte folgt einem strikt linearen Pfad.
Synchronisation, Grafik und Soundtrack
Die audiovisuelle Präsentation hebt die Inszenierung von einem vorhersehbaren Melodram zu einem zutiefst berührenden Erlebnis:
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Synchronsprecher | Piotr Michael (Alfred), Cissy Jones (Audrey) |
| Original-Soundtrack | Komponiert von Clark Aboud (Slay the Spire, Kind Words) |
| Grafikstil | Stilisierte 3D-Umgebungen, die an Firewatch und Life is Strange erinnern |
| Spieldauer | 3 bis 5 Stunden über 9 Kapitel |
| Plattformen | PC (Windows), PlayStation 5, Xbox Series X/S, Nintendo Switch 2 |
Piotr Michael verleiht Alfred eine geerdete Verletzlichkeit und fängt sowohl seine bitteren Ausbrüche als auch seine stille Trauer gekonnt ein. Cissy Jones verleiht Audrey eine abenteuerlustige Herzlichkeit, die ihre frühe Romanze glaubwürdig und ihren späteren Verlust umso spürbarer macht.
Komponist Clark Aboud steuert einen akustischen, folk-inspirierten Score bei, der von Streichern, melancholischem Klavier und ausgewählten Gesangsstücken geprägt ist und entscheidende Handlungsmomente untermalt. Visuell bieten Kulissen wie nebelverhangene Küstenpfade, verschneite Höhenzüge und ein verfallener, verlassener Freizeitpark stimmungsvolle Szenerien, auch wenn die Charaktermodelle in einer einfacheren, stilisierten Ästhetik gehalten sind.
Technische Performance und Speichereigenheiten
Auf PC und PlayStation 5 läuft das Spiel im Allgemeinen flüssig, wenngleich Tester und Spieler von gelegentlichen Leistungsschwächen berichten:
- Framedrops: Bestimmte komplexere Areale, wie ein Kapitel rund um eine alte Ferienanlage, weisen auf Konsolen und Mittelklasse-PCs spürbare Einbrüche der Bildrate auf.
- Interaktionsgenauigkeit: Interaktionspunkte wirken zuweilen etwas fummelig. Spieler müssen oft in einem sehr genauen Winkel und Abstand stehen, damit Schaltflächen zum Öffnen von Türen oder Inspizieren von Objekten eingeblendet werden.
- Checkpoint-Speicherung: Forever Ago nutzt einen einzigen Speicherplatz, der ausschließlich über automatische Checkpoints gesteuert wird; ein manuelles Speichern ist nicht möglich. Das Starten eines neuen Durchlaufs überschreibt den bestehenden Spielstand.
- Kapitelauswahl: Nach dem Durchspielen wird ein Menü zur Kapitelauswahl freigeschaltet, über das Komplettierungssuchende verpasste Fotos, Vignetten und Erfolge (wie die Trophäe „Alte Knochen“ für das Ausruhen auf Parkbänken) nachholen können.
Forever Ago im Überblick: Stärken und Schwächen
Pro
- Emotionale Nuancierung: Behandelt Trauer, das Altern und den Verlust des Partners ehrlich und ohne gekünstelte Märchenauflösungen.
- Hervorragende Sprecherleistung: Piotr Michael und Cissy Jones tragen die zentrale Beziehung mit feinfühligen, authentischen Darbietungen.
- Stimmungsvoller Soundtrack: Clark Abouds Akustik-Score passt perfekt zum nachdenklichen Rhythmus eines Küsten-Roadtrips.
- Atmosphärische Schauplätze: Gelungenes Environmental Storytelling füllt Retro-Diners und verlassene Attraktionen mit vertrauter Nostalgie.
Kontra
- Minimale Interaktivität: Äußerst seichte Gameplay-Mechaniken mit langen Passagen, in denen man lediglich geradeaus läuft.
- Zähes Pacing: Das langsame Gehtempo und festgelegte Dialogsequenzen lassen manche Kapitel langatmig wirken.
- Kleine technische Makel: Eng gefasste Interaktions-Hitboxen und gelegentliche Ruckler in detaillierteren Arealen.
- Vorhersehbare Struktur: Erfahrene Adventure-Spieler werden die wichtigsten Wendepunkte der Handlung frühzeitig erahnen.
Fazit
Forever Ago erfindet das narrative Adventure-Genre nicht neu, behandelt ein schweres, universell menschliches Thema jedoch mit Fingerspitzengefühl und Zurückhaltung. Indem Third Shift einen älteren Witwer ans Steuer setzt und seine Trauer durch stille fotografische Reflexion greifbar macht, gelingt ein berührendes Porträt darüber, wie Liebe den Tod eines Menschen überdauert.
Wer fordernde Rätsel, verzweigte Handlungsstränge oder dynamisches Gameplay sucht, wird angesichts der spärlichen Interaktion und des gemächlichen Tempos rasch an seine Geduldgrenzen stoßen. Wer jedoch kurze, introspektive Titel wie Firewatch oder Mixtape schätzt, dem sei diese Reise entlang der Pazifikküste wärmstens ans Herz gelegt – am besten mit offenen Sinnen und einer Packung Taschentücher in Reichweite.
Häufig gestellte Fragen
Wie lang ist die Spieldauer von Forever Ago?
Ein regulärer Spieldurchgang von Forever Ago dauert über seine 9 Kapitel hinweg etwa 3 bis 5 Stunden, abhängig davon, wie gründlich die Umgebungen erkundet und Erinnerungsvignetten aufgespürt werden.
Können Entscheidungen das Ende von Forever Ago verändern?
Nein. Forever Ago erzählt eine lineare Geschichte. Während kosmetische und dialogische Details angepasst werden können – wie Alfreds Kleidung, Akzentfarben des Wohnmobils, der Tonfall in manchen Gesprächen oder der Name des streunenden Hundes –, bleiben die Haupthandlung und das Ende unverändert.
Gibt es in Forever Ago eine Kapitelauswahl?
Ja. Sobald die Handlung abgeschlossen ist, steht im Hauptmenü eine Kapitelauswahl zur Verfügung. Damit lassen sich Kapitel erneut spielen, um fehlende Vignetten zu entdecken, zusätzliche Fotos aufzunehmen und verbleibende Erfolge freizuschalten.
Gibt es eine manuelle Speicherfunktion?
Nein. Das Spiel verlässt sich ausschließlich auf automatische Checkpoints und bietet nur ein einziges Speicherprofil. Ein Neustart überschreibt den bestehenden Spielstand.











